Experte warnt vor Bewegungsarmut bei Kindern

Lesen Bewegung
Lesedauer 3 min. Lesedauer

Zu wenig Sport wegen Corona: Der Präventionsexperte Ingo Froböse sorgt sich um die gesundheitlichen Folgen für die junge Generation. Und gibt Eltern sowie Schulen Anregungen, wie sie dennoch kreativ "am Ball bleiben" können.

Aufgrund der Corona-Pandemie bleiben die Sportstätten seit Monaten geschlossen oder bieten nur vereinzelt Trainings im Freien unter strengen Auflagen an, je nach Bundesland. Zusätzlich fällt Schulsport komplett flach. Prof. Dr. Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln, Sport- und Präventionsexperte sowie wissenschaftlicher Beirat der Präventionsinitiative fit4future, schlägt Alarm. Denn insbesondere Kinder und Jugendliche sind von diesem Mangel an Sport- und Bewegungsangeboten betroffen. 

 

Herr Froböse, was bedeutet es für die Kinder und Jugendlichen, dass seit Monaten Sport nicht mehr offiziell möglich ist?

Das bereitet mir große Sorge, dass die junge Generation aktuell keinerlei Möglichkeiten hat, wie gewohnt Sport zu treiben. Weder in der Schule noch im Verein. Sport gilt aktuell als gefährlich oder schwer umsetzbar. Das ist ein Imageverlust, der vor allem auch mit in die Familie hineingetragen wird, der Sport wird hier nun völlig anders betrachtet. Diese Sportabstinenz führt wiederum dazu, dass sich Kinder andere Beschäftigungen suchen. Kinder müssen spielen, doch die Spiele finden nun nicht mehr körperlich, sondern vielmehr digital statt.

Der Mangel an Sportmöglichkeiten führt also dazu, dass die Gesundheit leidet. Eigentlich ein Paradox, denn genau diese soll durch die Kontaktbeschränkungen ja geschützt werden.

Es ist eine schlimme Zwickmühle. Aber ganz klar ist: Regelmäßiger Sport ist essentiell, um das Immunsystem zu stärken und auch langfristig gesund zu bleiben. Viele Kinder und Jugendliche haben sich aber schon vor den Pandemie-bedingten Einschränkungen viel zu wenig bewegt. Das hat drastische gesundheitliche Folgen im Erwachsenenalter. In der heutigen Zeit werden schon in jungen Jahren chronische Erkrankungen produziert. Es gab noch nie so viele Kinder, die an Diabetes Typ 2 leiden, wie in den letzten drei bis fünf Jahren. Täglich sterben aktuell bundesweit circa 300 Menschen an den Folgen dieser lebensstilbedingten Erkrankung. Auch Bluthochdruck und Übergewicht breiten sich unter den Heranwachsenden aus. Bei mir als Sport- und Präventionsexperte schrillen dann natürlich erst recht die Alarmglocken, wenn ich sehe, dass die derzeitige Situation noch mehr zu solch chronischen Erkrankungen beiträgt oder bereits vorhandene verstärkt.

Welche körperlichen Auswirkungen beobachten Sie bei den Kindern und Jugendlichen noch?

Sportliche Betätigung ist nicht nur für die Fitness wichtig, sondern auch für die mentale Gesundheit ein wichtiger Ausgleich, ganz besonders für junge Menschen. Da spielt die soziale Verarmung eine ganz große Rolle. Kontakte, die Kinder sonst im Sportverein oder in der Schule geknüpft und gepflegt haben, werden in die digitale Welt verlagert. Damit einher geht die geistige Entwicklung. Wenn beispielsweise nur in der Familie gelebt, gelernt und gearbeitet wird, gehen kindliche Prozesse, die üblicherweise im Zusammensein mit Gleichaltrigen stattfinden, verloren. Ich beobachte auch eine zunehmende Aggressivität, weil ständig alle aufeinandersitzen und die ganze Familie mit der aktuellen Situation jonglieren muss. Das könnten die Kids normalerweise durch Sport prima abbauen. Und nicht zuletzt: durch das gemeinsame Lachen!

Auch wenn Familien aktuell in diesem dauerhaften Spagat zwischen Homeoffice und Homeschooling sind, wie Sie es eben beschrieben haben: Was können Eltern dennoch tun, um ihre Kinder zu mehr Bewegung zu motivieren, bis es endlich wieder offiziell erlaubt ist? Haben Sie ein paar gute Tipps?

Gemeinsam als Familie eine bewegte Pause machen im Homeoffice und Homeschooling. Zusammen spazieren gehen am Abend, nach dem Essen. Gemeinsam neue Sportarten ausprobieren, es gibt z. B. auch bei fit4future im Entdecken-Blog viele Ideen und Angebote digital und kostenfrei. Jetzt, wenn die Temperaturen wieder steigen: raus, raus, raus in die Natur.

Die Schulen sind aktuell im größten Teil Deutschlands für Präsenzunterricht nach wie vor geschlossen, mit wenigen Ausnahmen für Abschlussklassen oder in Regionen, die mit geringer Inzidenz punkten. Was können Lehrkräfte dennoch tun, um insbesondere Kinder aus bildungsferneren Familien zu erreichen, in denen Sport nicht zum Alltag gehört oder die keinen Zugang zu diesem Thema haben?

Zum Glück gibt es an Schulen Präventionsprojekte wie fit4future, bei dem ich als wissenschaftlicher Beirat involviert bin. Hier konnten wir natürlich an den rund 2.000 Grund- und Förderschulen sowie an den bald 800 weiterführenden Schulen und auch in unseren fit4future-Kitas ein solides Grundverständnis für die Wichtigkeit von Bewegung, Brainfitness und gesunder Ernährung etablieren. Eine große Anzahl an Inhalten gibt es deshalb online, sodass die Pädagogen die Inhalte auch in einer digitalen Schulstunde nutzen können. Ich appelliere an die Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter*innen, auch weiterhin auf Bewegungspausen bei geöffnetem Fenster auf Abstand zu setzen. Das klappt in einer regulären Schulstunde wie in der Notbetreuung. Machen Sie Spaziergänge mit den Kindern bei gutem Wetter und lernen Sie dort. Lassen Sie Jugendliche auf dem Sportplatz Einzelübungen machen und arbeiten Sie mit Challenges, die die Schüler*innen auch zu Hause fortführen können.

 

Lieber Herr Froböse, wir bedanken uns von Herzen für das ausführliche Gespräch. 

 

Fotoquelle: Sebastian Bahr

Wir freuen uns auch über eine ausführliche Rückmeldung per E-Mail an: kids@fit-4-future.de