Schulen in der Pandemie: „Komm, wir schaffen das gemeinsam!“

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Seit weit mehr als einem Jahr beeinflusst das Thema “Corona” Deutschlands Klassenzimmer und den Unterricht. Viele Regelungen, Vorgaben und plötzlich Unterricht aus der Ferne stellen eine große Herausforderung für alle dar. Wie geht es den Kindern aktuell? Und wie den Pädagog*innen? Wie hat sich das Schulleben verändert, was klappt nun besser, anders, neu?  

Wer könnte Ihnen besser darüber berichten, als zwei unserer Mitstreiter vor Ort: Ivonne Herzog, Schulsozialarbeiterin an zwei Grundschulen in Brandenburg/Havel. Und Toni Embacher, Sportlehrer, Stufenkoordinator und Co-Klassenleitung an einer Gemeinschaftsschule in Berlin.

 

Berichten Sie uns kurz von der aktuellen Situation an Ihrer Schule: Kann man schon fast von (neuem) Alltag sprechen oder hat sich mittlerweile eine gewisse Routine etabliert?

Toni Embacher: Von einem neuen Alltag möchte ich lieber nicht sprechen, denn es wäre natürlich besser, wenn die Schüler*innen täglich in die Schule kommen könnten. Wechselunterricht ist hoffentlich nur die Übergangslösung. Dennoch haben sich die Kinder sehr schnell an den neuen Ablauf gewöhnt und setzen ihn super um. Durch die Anwesenheit in der Schule haben sie ein klein wenig Routine zurückgewonnen.

Ivonne Herzog: An meinen beiden Schulen, in denen die Schüler*innen im wöchentlichen Wechselmodell zwischen Distanz- und Präsenzunterricht zur Schule kommen, hat sich eine gute Routine eingespielt. Deshalb würde ich durchaus von einem „neuen“ Alltag sprechen. Zumindest 14-tägig können sich die meisten Eltern wieder mehr als zuvor ihrem Beruf widmen. Auch das regelmäßige Testen – immer montags und donnerstags – was die Schüler*innen an unseren Schulen zuHause mit ihren Eltern machen dürfen, gehört bei den meisten zum „neuen Schulalltag“ mit dazu. Das „Masken-Tragen“ sowie das „Abstand-Halten“ wird von den Kindern ebenfalls sehr gut akzeptiert und angewendet.

Der Berufsalltag für Lehrkräfte und alle weiteren Angestellten in der Schule hat sich durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie drastisch verändert. Was sind die größten Herausforderungen der Pandemie für das Setting Schule? Was funktioniert passabel, was könnte anders geregelt werden und damit besser funktionieren?

Toni Embacher: Der komplette Alltag ist digitaler geworden. Jede Lehrkraft muss sich mit den neuen Medien auseinandersetzen, denn es ist zur Grundlage für das Lernen geworden. Der Mail-Verkehr ist um ein Vielfaches angestiegen und ich würde behaupten, dass sich die Arbeitszeit dadurch auch stark erhöht hat. Man möchte in dieser schwierigen Zeit auch für die Schüler*innen als Ansprechpartner zur Verfügung stehen und nimmt sich dementsprechend bei der Beantwortung auch viel Zeit.

Gelingt es dennoch, in dieser Situation ein wenig den Druck rauszunehmen? Wenn ja, wie? 

Toni Embacher: In Berlin haben nun die letzten Wochen vor den Ferien begonnen. Für uns Lehrer ist es extrem schwer, alle Klassenarbeiten zu terminieren. Für die Schüler ist die Phase vor dem Notenstopp mit den letzten Arbeiten immer sehr stressig. Jede Lehrkraft ist sich der herausfordernden Situation bewusst und so wird bei der Aufgabenstellung Rücksicht genommen. 

Ivonne Herzog: Das ist toll, Toni, dass es bei euch so gehandhabt wird im Sinne der Kinder! Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen: Wenn man eventuell eine Benotung der Leistungen aller Kinder aussetzt, könnte man den Druck aller Beteiligten noch mehr herunterfahren. Die Leistungen, die Anstrengungsbereitschaft und sicherlich auch die Motivation der Kinder haben sichtlich abgenommen.                       

Bleiben wir bei den Kindern. Frau Herzog, laut der Copsy-Studie vom Februar 2021 haben sich die Lebensqualität und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Folge der Pandemie drastisch verschlechtert: fast jedes dritte Kind leidet unter psychischen Auffälligkeiten. Können Sie diese Ergebnisse bestätigen? Was bereitet den Kindern aus Ihrer Sicht die größten Schwierigkeiten in der aktuellen Situation? Und wie gehen Sie damit um bzw. haben Sie gute Lösungen gefunden, die Kinder zumindest etwas „aufzufangen“? 

Ivonne Herzog: Ja, diese Ergebnisse kann ich bestätigen – leider. Die meisten Schwierigkeiten haben die Kinder größtenteils im „Allein-Lernen“. Das beobachte ich bzw. höre ich aus Gesprächen mit den Eltern heraus. Lernen in der Gemeinschaft mit einem „echten“ Lehrer funktioniert einfach viel besser. Zwar profitieren aus meiner Sicht sicher viele Kinder beim Distanzlernen durch mehr gemeinsame Zeit mit Eltern oder Familienangehörigen. Als Elternteil ist man so mehr im Bilde darüber, was die Kinder gerade an Schulstoff auf dem Plan haben. Und da jedes Kind in gewissem Maße seinem eigenen Lerntempo nachgehen kann, können auch ganz individuelle Lernerfolge erreicht werden. Und natürlich böte die Zeit jetzt auch viele Möglichkeiten für gezielte Einzelförderung.  

Dennoch ist genau diese Rolle der Eltern und ihr eigener Umgang damit völlig neu, da sie täglich einen wahnsinnig großen Spagat leisten müssen zwischen „Mama- und Papa-Sein“, Erzieher*in, Betreuer*in und Lehrer*in. Definitiv gerate ich auch als Mama in einen Zwiespalt, wie er größer wohl nicht sein könnte – denn ich bin nun mal nicht die Lehrerin 😊. Aber damit nicht genug – jedes Elternteil hat meist auch noch seine eigene berufliche Rolle. Zu Recht fragt man sich also oft und je nach Situation: ‚Wer bin ich jetzt grad bzw. welcher Rolle werde ich jetzt im Moment gerecht?‘ Und das verwirrt natürlich auch die Kinder. Zumal die Erwachsenen ihnen keine wirkliche Sicherheit mehr geben können, da für jeden diese Zeit so ungewiss ist.  

Die eine perfekte Lösung habe ich selbst leider auch noch nicht gefunden – das ist schwer. Ich versuche einfach täglich aufs Neue, den Kindern empathisch gegenüberzutreten, ein offenes Ohr für jede Sorge zu haben. Das habe ich aber auch schon vorher gemacht. Ich gerate aktuell vor allem in einen Zwiespalt zwischen Schulsozialarbeit und meiner Tätigkeit in der Notbetreuung bzw. in der Einzelförderung. In meiner Rolle als Schulsozialarbeiterin höre ich die Sorgen und Ängste der Kinder, sehe, dass sie aktuell alles andere im Kopf haben als Aufgaben erledigen oder gar Stoff aufzuarbeiten. Auf der anderen Seite weiß ich aber, dass der Druck von Eltern und Schule da ist, es wichtig ist für viele Kinder, jetzt am Ball zu bleiben. Hier versuche ich, einen gesunden Mittelweg zu finden. Aber ehrlicherweise belastet mich das sehr.  

Ich persönlich finde es hilfreich, den Kindern zu zeigen, dass man Verständnis hat, für welches Handeln auch immer. „Komm, wir schaffen das gemeinsam!“, ist glaube ich ein Satz, den ich im letzten Jahr so häufig wie noch nie gesagt habe (und diesen aber auch genau so gemeint habe!). Der Satz hilft auch mir. Und die meisten Kinder lassen sich dadurch ganz gut motivieren – wahrscheinlich ist es auch etwas, was ihnen zunehmend mit der Zeit fehlt: etwas Gemeinsames machen und schaffen! 

Vielleicht habe ich ja doch noch einen Tipp: Denn Gespräche sowie Zeit sind wichtige und wertvolle „Auffänger“ für die Kinder. Hierfür habe ich individuelle Angebote geschaffen, die ich je nach Lust und Laune einzelner Kinder realisiere (z. B. eine Wald- oder Feldwanderung oder eine Inlinetour, etc.).

Distanzunterricht vs. Wechselmodell: Was hat gut funktioniert, auch im Kollegium und konnte von den Kindern sinnvoll genutzt werden? Haben Sie Tipps für andere Schulen? 

Toni Embacher: Unsere Schule hat sich sofort um eine eigene Lernplattform samt Schulserver gekümmert. Die IT-Kollegen hatten dadurch zwar viele Tage und Nächte mit dem Einrichten der Plattform zu tun, aber diese Unabhängigkeit von der offiziellen Plattform des Berliner Senats (bei der es viele technische Probleme gab) hat sich ausgezahlt: Wir waren einfach viel schneller bereit, digital zu unterrichten. Es war kinderleicht zu verstehen und wurde während des Homeschoolings auch stetig verbessert. Ohne unsere IT-Abteilung in der Schule wäre das Distanzlernen aber mit Sicherheit nicht so angenehm gewesen. Jetzt ist es allerdings wichtig, dass die Kids sich wieder an den Alltag in der Schule gewöhnen. Viel Sport ist jetzt unabdingbar. Trotz sportlichen Online-Kursen war der Bewegungsmangel enorm. Eltern sollten ihre Kinder jetzt, wo die Temperaturen steigen, unbedingt motivieren, rauszugehen und sich an der frischen Luft zu bewegen. 

Da wir gerade über Sport sprechen: In den meisten Bundesländern werden seit Monaten nur die Kernfächer unterrichtet. Sport zählt zu den Disziplinen, die schulisch wie privat nicht oder nur eingeschränkt möglich sind. Sie haben den Bewegungsmangel ja bereits thematisiert. Haben Sie kreative Ideen und Lösungsansätze ausprobiert, um die Kinder dennoch sportlich zu fordern und zu fördern in den letzten Monaten? 

Toni Embacher: Die gute Nachricht: Es gibt noch viele Kinder, die selbstständig auf den Basketballplatz gehen oder Fußball spielen. Im Winter war das natürlich deutlich schwieriger. Da ist eine digitale Spielekonsole oft verlockender. Aktuell bemerken wir schon viele Defizite. Die Ausdauer und die Koordination haben deutlich nachgelassen. Wir haben versucht, die Kinder mit einer Walking-Challenge zu begeistern und haben selbst bei den Online-Kursen aktiv teilgenommen, um den Kids zu zeigen, dass wir alle zu Hause sind und uns zum Sport motivieren müssen. In der Schule können wir die Defizite der Kids im Sport schwer ausgleichen, deshalb sind Eltern, Großeltern und Freunde gefragt, die Ferien mit Aktiv-Urlaub zu nutzen. Deutschland bietet viele Möglichkeiten. Die Berge und Wälder laden zum Wandern ein. Die vielen Seen zum Schwimmen, Stand-up Paddeln oder Kanu fahren. Und Fahrradtouren in Kombination mit Camping wäre sicher auch eine tolle Idee und super Erfahrung für die Kinder.  

Tipp der fit4future-Redaktion: Aktiv bleiben, wo immer Sie diesen Sommer sind - mit dem fit4future-Feriencamp (2. - 6.8.2021). Melden Sie sich und Ihre Familie jetzt an.

Bleiben wir bei den Eltern: Frau Herzog, Sie haben als Schulsozialarbeiterin ja viel Kontakt zu den Müttern und Vätern. Hat sich Ihre Kommunikation und Zusammenarbeit mit den Eltern seit Beginn der Corona-Pandemie verändert? Haben Sie Tipps für andere Schulen? 

Ivonne Herzog: Ich würde sagen, es hat sich etwas geändert. Zu Beginn der Pandemie gab es große Unsicherheiten, wie Kommunikation in Zeiten von Distanz gelingen kann. Mittlerweile sind Blockaden relativ gut abgebaut, was zum Beispiel das Telefonieren oder E-Mails betrifft. An meinen Schulen hat sich eine Schul-Cloud als Kommunikationsplattform sehr gut etabliert – auch für meine Arbeit mit den Schüler*innen und deren Eltern kann ich dieses Medium prima nutzen und bestimmte Angebote gleichzeitig an alle Familien weiterreichen.

Meine Beratungsangebote wurden sehr gut von Schüler*innen und Eltern genutzt. Auch die bereits erwähnten Spaziergänge an den Wohn- und Lebensorten der Familien zeigen in Zeiten von Distanz und Abstand Wirkung, denn ich bin live und in Farbe da. Gefühlt mache ich seit gut einem Jahr keinen Spaziergang mehr allein mit meinen eigenen Kindern 😊. Immer wieder gehen andere Kinder oder Eltern ein Stück mit. So kommt es dann häufig zu einem „Walk&Talk“ oder es gibt hier und dort kürzere und längere „Zaungespräche“ – zwei sehr schöne Möglichkeiten, um mit Eltern und Kindern in Kontakt zu bleiben. Eine weitere, von Eltern sehr dankbar angenommene Möglichkeit, um ins Gespräch zu kommen, ist das „Aufgaben-Vorbei-Bringen“ oder ich verteile kleine Bastel-Vorschläge als „DIY-to-go-Variante“.

Das klingt nach ganz wundervollen Ideen. Aber damit und auch ganz allgemein war und ist die Arbeitsbelastung in den letzten Monaten für Sie und Ihre Kolleg*innen sicher enorm. Laut einer DAK-Studie vom November 2020 gaben 84 % der Befragten an, aktuell mehr zu arbeiten. Jede vierte Lehrkraft ist regelmäßig emotional erschöpft und zeigt Burnout-Symptome. Die Sorge um die eigene Gesundheit verstärkt dies noch. Wie schaffen Sie es, Ihre Kräfte beisammen zu halten?  

Ivonne Herzog: Ich verordne mir ganz bewusst Pausen von der Arbeit, auch wenn diese selten sind. In dieser Zeit mache ich mit meinen Kindern ausgiebige Wanderungen, Rad- oder Inline-Touren. Wir gehen walken und seit Neuestem „hoola“ ich mich fit und das tatsächlich mehr oder weniger gedankenfrei 😊. Ich habe in den letzten Monaten erfahren, dass Bewegung, wie auch immer sie aussieht, in der Natur ein wahres Wundermittel für Körper und Seele sind. 

 

Frau Herzog, Herr Embacher, vielen Dank für das offene, ausführliche und informative Gespräch! 

Wir wünschen Ihnen alles Gute! 

Wir freuen uns auch über eine ausführliche Rückmeldung per E-Mail an: kids@fit-4-future.de