Starke Seele, gesunder Körper

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Was ist seelische Gesundheit? Wie hängt sie mit der körperlichen Gesundheit zusammen? Und was können Sie tun, wenn Sie merken, dass es Ihrem Kind seelisch nicht gut geht?

fit4future-Botschafter Dr. Eckart von Hirschhausen gibt im Interview Antworten auf diese Fragen. 

 

fit4future: Seelische Gesundheit – das liest man überall. Was ist das eigentlich?

Dr. Eckart von Hirschhausen: Der Begriff der „seelischen Gesundheit“ ist vergleichsweise neu und knüpft an die Idee von „mental health“ im internationalen Sprachraum an. Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert sie als ein Vorhandensein von Wohlbefinden, auf geistig-seelischer, körperlicher und sozialer Ebene.

Einfach gesprochen könnte man sagen: seelisch gesund ist, wer in sich ruht, sich selbst mit allen vermeintlichen Ecken und Kanten annimmt und liebt.

Kurioserweise gab es damals, als ich noch als Arzt in der Kinderneurologie- und -Psychiatrie gearbeitet habe, dicke Bücher mit den Diagnose-Kriterien, um ganz genau beschreiben zu können, was alles „gestört“ ist. Die Medizin hat sich damals also mehr mit dieser negativen Betrachtung beschäftigt als damit, was eigentlich eine „gesunde Seele“ ist und was ihr guttut.

„Seelische Gesundheit“ wird auch heute noch manchmal missverstanden als ein „Luxuszustand“, ein Sahnehäubchen auf der körperlichen Gesundheit. Dabei gehören unser Körper und unsere Seele ganz eng zusammen und sind untrennbar verbunden. Denn nur, wer mit sich selbst im Reinen ist, kann in Balance sein, lässt sich selten aus der Ruhe bringen und ist gefestigt für ein soziales Miteinander.

fit4future: Das heißt, eine gute seelische Gesundheit ist mit dem körperlichen Wohlbefinden eng verbunden. Können wir uns das anhand eines Beispiels näher ansehen?

Dr. Eckart von Hirschhausen: Ein gutes Beispiel für diesen engen Zusammenhang ist unser Abwehrsystem. Vielleicht haben Sie schon einmal von dem Stresshormon Cortisol gehört, das der Körper ausschüttet, wenn wir uns in Gefahr befinden. Oder denken, dass wir in Gefahr sind. Diese Stressreaktion ist super hilfreich, wenn es um eine akute Gefahr geht, wenn wir also ganz schnell reagieren müssen, und dafür alle anderen Vorgänge im Körper hintenanstehen. Aber Dauerstress macht krank, und die Ausschüttung von Stresshormonen ist eng verknüpft mit einem reibungslos funktionierenden Immunsystem und auch unserem Hirn.

Cortisol ist eins der wirksamsten Mittel, um die Aktivitäten unseres Immunsystems zu unterdrücken und Entzündungsprozesse im Körper zu hemmen. Deshalb nutzt man es beispielsweise auf der Haut bei Allergien (Cremes mit Hydrocortison) und als Tablette kurzfristig bei entzündlichen Erkrankungen, oder auch in verschiedenen Sprays gegen allergisches Asthma. Gleichzeitig unterstützt Cortisol bei der Bereitstellung von Glukose, die der Kopf zum konzentrierten Arbeiten und der Körper für Höchstleistungen braucht.

Anders gesagt: Richtig eingesetzt, rettet dieses Stresshormon also Leben, aber zu viel davon und auf Dauer tut uns nicht gut. Und das, was für die Medikamente gilt, gilt auch für den alltäglichen Stress im Immunsystem: die Dosis macht das Gift. Zu viel Stress kann sowohl die seelische Gesundheit als auch das Immunsystem des Körpers sehr stark und negativ beeinflussen.

fit4future: Wie erkenne ich, ob bei mir selbst oder bei meinem Kind die seelische Gesundheit aus dem Lot geraten ist?

Dr. Eckart von Hirschhausen: Die DAK-Gesundheit hat zum Thema „Seelische Gesundheit“ in der Coronazeit Studien durchgeführt, die zeigen, wie uns diese Ausnahmezustände beschäftigt und heruntergezogen haben. Hatten wir zu Beginn der Pandemie das Gefühl „Einmal Zähne zusammenbeißen und dann stehen wir das gemeinsam durch“, so ist heute klar: die Krise ist das neue Normal. Auch wenn Maßnahmen gelockert werden und hohe Inzidenzen uns nicht mehr ganz so sehr schockieren.

Seelische Gesundheit kann man nicht in einer Blutprobe erkennen, wohl aber im mitfühlenden Miteinander. Wir sind soziale Wesen, gehen in Resonanz mit anderen. Wenn sich jemand weh tut, versuchen wir zu helfen, zu pusten, wir leiden ein Stückchen mit. Wenn sich jemand freut, freuen wir uns mit. Wenn jemand lacht, lachen wir mit.

Ein Frühwarnzeichen für nicht vorhandene seelische Gesundheit ist der Verlust dieser Schwingungsfähigkeit. Wir ziehen uns zurück, haben keine Neugier auf neue Dinge oder andere Menschen. Uns machen Sachen, die uns eigentlich immer Freude gemacht haben, keinen Spaß mehr. Wir sind „aus dem Takt“, beim Essen oder Schlafen, wir vernachlässigen die Familie, Freunde, uns selbst. Wir erholen uns nicht mehr, sondern alles kommt uns wie ein unüberwindlicher Berg vor.

Wenn Sie das gerade lesen, könnten Sie denken: „Genau das kenne ich!“ Stimmt, in gewissem Maße gehören solche Phasen zum Leben dazu, erst recht in der Pandemie, wenn viele schöne Dinge ja nicht stattfanden:

Die Dauer trägt dabei die Last. Die meisten Kinder und Erwachsenen können Stress, Durststrecken und harte Zeiten für eine gewisse Zeit puffern, ertragen, durchstehen – manchmal sogar an den Krisen wachsen und neue Fähigkeiten entdecken. Wer das schafft, hat eine gute Resilienz. Unser seelisches „Immunsystem“ kommt dabei besser mit akuter Belastung zurecht, als mit chronischem Dauerstress.

Wichtig ist: Die seelische Gesundheit so ernst zu nehmen wie die körperliche. Wenn es nicht mehr reicht, meinem Kind zuzuhören, zu verstehen, worin die Belastungen bestehen und wir mit Auszeiten, mit gemeinsamen positiven Erlebnissen, mit einer Mischung aus Zuwendung und Selbstwirksamkeit, nicht weiterkommen, dann bitte eine zweite Meinung, einen professionellen Blick von außen holen.

Unter Selbstwirksamkeit versteht man übrigens die innere Überzeugung, schwierige oder herausfordernde Situationen gut meistern zu können – und das aus eigener Kraft heraus. Wer eigene Fähigkeiten einschätzen kann, vertraut sich selbst und kann eigenes Handeln reflektieren. Das Gegenteil der Selbstwirksamkeit ist die erlernte Hilflosigkeit, die ein Baustein für die Entstehung einer Depression sein kann.

Mit einem gebrochenen Bein ist es selbstverständlich, sich Hilfe zu holen. Mit einem Knacks in der Seele sollte das genauso selbstverständlich sein. Die Anlaufstellen dafür sind die Kinderärztin oder der Kinderarzt, die dann an die Fachärzt*innen überweisen können.

Und wo ist hier die Verbindung zur seelischen Gesundheit, die Überschrift lautet ja: Welchen Effekt hat eine gute seelische Gesundheit auf uns Menschen? Hier haben wir wieder das Problem, dass die Antwort nicht zur Frage passt, weil die inhaltlichen Verbindungen nicht erklärt werden. Vielleicht soll ja gesagt werden, dass zu viel Stress die seelische Gesundheit negativ beeinflussen kann. Diese Aussage fehlt aber, um das Ganze „rund zu machen“. Und wo wäre in diesem Kontext die Verbindung zum Immunsystem?

 

Vielen Dank an Dr. Eckart von Hirschhausen für das ausführliche Gespräch!

 

Bildquelle: iStock.com/monkeybusinessimages

Wir freuen uns auch über eine ausführliche Rückmeldung per E-Mail an: kids@fit-4-future.de

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